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"Wir versuchen mit allen Mitteln, Wissenschaft unters Volk zu bringen"

Das Wissenschaftler-Ehepaar Cecilia Scorza und Harald Lesch teilt die Liebe zu den Sternen. Derzeit sind die beiden aber vor allem in Sachen Aufklärung über den Klimawandel aktiv. Im Interview sprechen sie über Wissenschaftskommunikation, Mängel im Bildungssystem und die essenzielle Rolle, die Stiftungen für die Transformation spielen.

DSZ: Frau Scorza, Herr Lesch, Sie beide sind renommierte Wissenschaftler mit einer bemerkenswerten Hochschullaufbahn, und Sie beide haben sich irgendwann dafür entschieden, einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit auf die Wissenschaftskommunikation zu verlegen. Sie, Frau Scorza, sind eine Brückenbauerin zwischen Wissenschaft und schulischem Bildungssystem. Sie, Herr Lesch, vermitteln Wissenschaft in Funk, Fernsehen und Internet. Was war Ihre Motivation, in die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu gehen?

Cecilia Scorza: Ich bin zwischen Mikroskopen und Käfigen voller Mücken und Eidechsen in einem Haus von Wissenschaftlern aufgewachsen. Meine Eltern waren beide Biologen. Bereits als Kind habe ich meinen Vater unzählige Male den Zweck und die Methoden seiner Forschung erklären hören. Das Kommunizieren und Reden über Wissenschaft wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Nach meiner Promotion in Astronomie an der Universität Heidelberg und nach sieben intensiven Jahren in der Erforschung ferner Galaxien verspürte ich erneut den Wunsch, über meine Arbeit zu reden und an Schulen zu gehen. Vorerst an die Schule meiner eigenen Kinder. Ich gründete sogar eine Astronomieschule an der Landessternwarte in Heidelberg. Die Faszination, die ich in den Augen von zahlreichen Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Lehrerinnen und Lehrer sah, hat meine eigene Faszination für die Astronomie immer verstärkt. Ihre dankbaren Worte signalisierten mir, dass auch sie wissenshungrig waren und mehr über die Objekte des Kosmos und den Ursprung und die Entwicklung des Universums wissen wollten. Und dahinter stand immer die Suche nach der Antwort auf die Fragen: Warum sind wir hier, und gibt es Leben woanders?

Harald Lesch: Meine Familie, Freunde, Bekannte, sie alle haben mich immer und immer wieder gefragt, was ich denn da eigentlich mache. Interessant wurde es in Kneipen im Rheinland. Dort konnte ich so manches Freigetränk einhandeln für "Physik auf dem Bierdeckel" oder "Astronomie auf der Papierserviette". Da ich selbst aus einer Kneipe stamme, habe ich vielleicht dort mein Erklärtalent entdeckt. Im Laufe der Zeit kam aber noch etwas ganz Wichtiges hinzu: Wenn man die Faszination des eigenen Faches in den Augen des Publikums erkennt. Astronomie ist außerordentlich faszinierend und erwischt eigentlich fast alle im Saal. Und deshalb ist Astronomie auch die ideale Wissenschaft, um als "Türöffner" ins wissenschaftliche Denken und Tun zu wirken. Zumal die Geschichte des Kosmos die größte Geschichte aller Zeiten darstellt und als Astrophysik unsere Welt mit dem ganzen Universum verknüpft – in Raum und Zeit. Den Satz "Wir sind Sternenstaub" können nur Dichter oder eben Astronomen schreiben, wobei letztere es auch ganz genau wissen, nämlich zu 92 Prozent.

Foto: Stifterverband/Peter Gwiazda (Lesch)
Das Wissenschaftler-Ehepaar Cecilia Scorza und Harald Lesch

 
DSZ:
Das größte Problem in der Wissensvermittlung war früher, das Wissen an die Menschen zu bringen. Heute kann man die Menschen über viele Kanäle erreichen – Wissen kommt vielleicht sogar an, wird aber von einigen Menschen angezweifelt oder bewusst abgelehnt. Was ist der Grund dafür?

Harald Lesch: Kann ich nicht erklären. Zumal die technischen Instrumente, mit denen die Zweifel geäußert werden, also Computer, Internet etc. genau auf den wissenschaftlichen Methoden und Modellen beruhen, die angezweifelt werden. Insbesondere die Klimaskeptiker mit ihren haarsträubenden Argumenten sind ein Paradebeispiel dafür, zu welchen intellektuellen Opfern manche bereit sind, nur um ihre Weltanschauung nicht ändern zu müssen, die oft eine Verschwörung darstellt. Wir können hier eigentlich nur immer weiter machen, Angebote bieten, um vor allem die Unentschlossenen von den wissenschaftlich erlangten Erkenntnissen und Ergebnissen zu überzeugen. Aber die übergroße Mehrheit der Gesellschaft steht hinter Forschung und Wissenschaft, nutzt sie als wichtiges Mittel zur Lebensbewältigung. Man stelle sich mal vor, die Medizin unserer Zeit würde auf die technischen Geräte und Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung verzichten. Das wäre verantwortungslos. Genauso aber ist auch die jahrzehntelange öffentliche Verdrängung der Ergebnisse aus Klimaforschung und Energietechnik eine gegenüber zukünftigen Generationen verantwortungslose Sünde, die wir, gerade weil wir so viel wissen über die Zusammenhänge von Strahlung und Materie, dringend korrigieren müssen.

DSZ: Sie haben gemeinsam ein Buch über den Klimawandel geschrieben, das vorwiegend in Sketchnotes – also kleinen, schlichten Illustrationen mit Text – gehalten ist und so verständlich wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt. Wen genau wollen Sie damit erreichen? Und müsste es mehr niedrigschwellige Informationsangebote aus der Wissenschaft geben?

Cecilia Scorza: Wir wollen mit dem Buch das allgemeine Publikum erreichen, aber insbesondere junge Menschen, die sehr oft an den offensichtlichen Folgen der globalen Erwärmung verzweifeln. Im Sommer 2020 beantwortete ich während meiner Mittagspause und über eine Hotline ihre Fragen. Unter Anderem: "Was sind die Kipppunkte? Wie lange dauert der Klimawandel noch? Bitte sagen Sie uns die Wahrheit!" Es war sehr ergreifend. Öfters wurde ich traurig. Mir wurde aber klar: Als Wissenschaftler können wir diese jungen Menschen da draußen nicht mit ihren Fragen allein lassen. Und wenn wir das Interesse von Schülerinnen und Schülern für die MINT-Fächer wecken möchten, dann müssen wir den Mut haben, die aktuelle Forschung zu elementarisieren und anschaulich zu vermitteln, auch in Buchform mit Sketchnotes.

Harald Lesch: Ich kann mich Cecilia da nur anschließen. Wir versuchen mit allen Mitteln, Wissenschaft "unters Volk" zu bringen. Unser Sketchnote-Buch nutzt auch das alte Motto: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte".

Foto: Stifterverband/Kay Herschelmann
Cecilia Scorza bei der Übergabe des "Wirkung hoch 100"-Preises

 
DSZ:
Auch der Klimakoffer, der im Rahmen Ihres Projekts "Klimawandel: verstehen und handeln" an der Ludwig-Maximilians-Universität München entstanden ist, setzt darauf, Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels für Schülerinnen und Schüler verständlich zu erklären und erfahrbar zu machen. Was ist das Besondere am Projekt? Und wie können wir uns den Klimakoffer vorstellen?

Cecilia Scorza: Unser Projekt hat als Ziel, das sehr relevante Thema der globalen Erwärmung und ihrer Folgen, aber auch die Chancen, die sich uns heute noch bieten, experimentell, schulgerecht und fächerübergreifend zu thematisieren. Anhand von zwölf Experimenten und Aktivitäten des Klimakoffers können Schülergruppen die Bewohnbarkeit der Erde, ihre Energiebilanz, die Rolle der Atmosphäre, die Absorption von Wärmestrahlung durch CO2, der Albedo- und der Treibhaus-Effekt, die Kipppunkte sowie die Auswirkungen des Klimawandels weltweit und in Deutschland aktiv erkunden. Indem unser Projekt Verstehen und Handeln zusammenführt, können junge Menschen, die an dem Programm teilnehmen, begründet und argumentationssicher diskutieren und agieren, über gemeinsame Projekte an effektiven Lösungen arbeiten und dadurch Selbstwirksamkeit erfahren.

DSZ: Die Nachfrage nach Ihrem Klimakoffer ist aktuell groß, Kultusministerien, Universitäten und Stiftungen sind an einer Zusammenarbeit interessiert. Welche Möglichkeiten gibt es, insbesondere auch für Stiftungen, sich zu engagieren?

Cecilia Scorza: Unsere Umsetzungsstrategie in Deutschland basiert auf der Gründung von Koordinationsstellen in allen Bundesländern mittels Fortbildungsmaßnahmen und auf der Entwicklung von Netzwerken mit Partnern vor Ort. Stiftungen können die Arbeit der Netzwerke in den einzelnen Bundesländern unterstützen, indem sie Mittel für die Ausstattung der Schulen – Mittel-, Realschulen und Gymnasien – mit dem Klimakoffer und für die Durchführung von fächerübergreifenden Lehrerfortbildungen zur Verfügung stellen. Durch die Förderung von "Wirkung hoch 100", einer Initiative des Stifterverbandes, konnten wir seit Juli 2022 unser Team mit einer Projektmanagerin erweitern, die sich um die Gründung von regionalen Netzwerken und die Kooperation mit Stiftungen beschäftigt.

DSZ: Dass "Klimawandel: verstehen und handeln" ein Erfolg ist, bestätigt auch die Auszeichnung im Rahmen der Jubiläumsinitiative "Wirkung hoch 100" des Stifterverbandes. Wie soll es mit Ihrem Projekt jetzt weitergehen? Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Cecilia Scorza: Ab 2023 streben wir eine bundesweite Skalierung des Projektes innerhalb Deutschlands an sowie die Etablierung einer jährlichen bundesweiten Lehrerfortbildung mit unseren Kooperationspartnern. Über die Zusammenarbeit mit dem Munich Science Communication Lab (MSCL) werden wir ein detailliertes wissenschaftliches Evaluationsprogramm entwickeln und umsetzen. Ab 2024 werden wir Schülerinnen und Schüler im deutschsprachigen Raum mit Gleichaltrigen aus Kolumbien, Chile, Bangladesch und Südafrika über die "International Climate Schools" online vernetzen und sie ermuntern, über Netzwerke gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Foto: Stifterverband/Peter Gwiazda
Harald Lesch bei der Präsentation des Projekts "Klimawandel: verstehen und handeln" im Rahmen des Programms "Wirkung hoch 100"

 
DSZ:
Herr Lesch, laut einer globalen Befragung blicken junge Menschen wenig positiv in die Zukunft. Von 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwischen 16 und 25 Jahren aus 10 Ländern stimmen 75 Prozent der Aussage zu, dass die Zukunft beängstigend sei, und 56 Prozent glauben, dass die Menschheit "dem Untergang geweiht" sei. Ihre Sorge vor dem Klimawandel beeinträchtige ihr tägliches Leben, sagen 45 Prozent. Wie können wir als (Zivil-)Gesellschaft die Jugend unterstützen, ihre Zukunftsangst zu überwinden?

Harald Lesch: Naja, wen wundern diese Ergebnisse? Gerade die Gesellschaften in den reichen Ländern haben die seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue ausgesprochenen Warnungen der Klimaforschung einfach nicht ernst genommen. Immer wieder wurde der Ökonomie nachgegeben. Stellen wir uns doch mal für einen kurzen Moment vor, ein Land wie Deutschland hätte sich in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht für die Kernkraft, sondern für Sonne und Wind entschieden. Wie viel Geld, das wir für die Sicherheit der Kernkraftwerke und der Zwischenlagerung der radioaktiven Abfälle sowie zukünftig für deren Endlagerung ausgeben müssen, hätten wir stattdessen in technische Innovationen für die Nutzung von erneuerbaren Energien investieren können. So aber müssen wir uns mit den Konsequenzen der ökonomisch getriebenen globalen Nutzung fossiler Ressourcen auseinandersetzen, die die globale Erwärmung so sehr verschärft, dass bei Allen – Jungen und Alten – Weltuntergangsgedanken so sehr verbreitet sind. Deshalb müssen wir so schnell wie möglich raus aus Kohle, Öl und Gas und hinein in die Nutzung von Wind und Sonne! Und damit gerade auch die junge Generation erkennt, dass wir die Katastrophe noch abwenden können, dafür steht unser Projekt, das zeigt, wie man in und mit der Schule selbstwirksam werden kann. Außerdem haben wir Unterrichtsmodule zur Energiewende entwickelt, die unter anderem auch dazu inspirieren sollen, sich für technische Berufe zu begeistern. Denn irgendjemand muss die Windräder bauen, die Photovoltaikanlagen installieren, die nötigen Leitungen und Speicher aufbauen.

DSZ: Frau Scorza, wenn wir auf Ihre Jugend blicken, dann wurde Ihr Forschergeist durch Ihre Eltern, zwei Biologen, in einem internationalen Umfeld geweckt und im naturwissenschaftlichen Schulunterricht in Venezuela gefördert. Was ist nötig, um bei jungen Menschen Begeisterung für Naturwissenschaften zu wecken? Und welche Defizite stellen Sie im MINT-Unterricht in Deutschland fest?

Cecilia Scorza: Das naturwissenschaftliche Denken wird in erster Linie durch die direkte Erfahrung gefördert und auch durch die Begeisterung, die Lehrerinnen und Lehrer für ihre Fächer vermitteln. In unserer Ganztagsschule in Mérida, Venezuela, durften wir durchgehend in den Physik-, Chemie- und Biologielaboren der Schule experimentieren. In Biologie lernten wir zum Beispiel über Bakterien und Parasiten, und als Schulprojekt besuchten wir Wohnungen in Armenvierteln und installierten dort Wasserfilter. Dabei erklärten wir den Bewohnern anhand selbst gestalteter Poster, warum es so wichtig ist, sauberes Wasser zu trinken. Wir machten auch sehr viele Wanderungen in den Anden und lernten so zum Beispiel, was der Gletscher auf den hohen Bergen mit der Wasserversorgung der Stadt zu tun hat. In der 11. Klasse machten wir einen Ausflug in die Sternwarte Llano del Hato (3.999 m). Dort habe ich entschieden, Astronomin zu werden! Im MINT-Unterricht in Deutschland stelle ich als Defizite fest, dass die Schülerinnen und Schüler hauptsächlich Fakten lernen, wenig experimentieren und dass die Fächer zu getrennt voneinander unterrichtet werden. Es fehlt an Zeit in den Schulen für Gruppenprojekte, um fächerübergreifend zu arbeiten. Letzteres ist sehr wichtig für die Sinngebung und um ein zusammenhängendes Gesamtbild aller Fächer zu bekommen. In unserem Projekt nehmen wir den Klimawandel als Kontext, um interdisziplinär zu arbeiten.

Bild: Fakultät für Physik der LMU München
Der Klimakoffer und sein Inhalt

 
DSZ:
Der Klimawandel geht uns nicht irgendwann an, sondern jetzt. "¡Vamos juntos! – Gehen wir zusammen" ist Ihr Wahlspruch. Was ist dafür nötig, damit wir über alle Sektoren hinweg – Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – gemeinsam ins Handeln kommen? Und welche Rolle können Stiftungen dabei spielen?

Harald Lesch: Stiftungen spielen als "Anschieber" eine ganz essenzielle Rolle. Mit der Hilfe von Stiftungsmitteln können völlig neue Konzepte in Projekten finanziert werden, die oft von den "normalen" Geldquellen nicht unterstützt werden können. Zumal neue Projekte oft Zeit brauchen, um sich zu verbessern und wahrgenommen werden zu können. Die Dringlichkeit der Bildung für nachhaltige Entwicklung lässt aber keine Verzögerungen mehr zu. Deshalb können Stiftungen als "Turbolader" eine enorme Wirkung erzielen.

DSZ: Herr Lesch, Ihr Ansatz, mehr Forschergeist zu wecken, aber auch die Menschen zum Handeln gegen den Klimawandel zu bewegen, ist es, Geschichten zu erzählen: "Irre", "emotionale Geschichten", wie Sie sagen, von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, die etwas auslösen und deren gutes Beispiel anstiftet. Haben Sie zum Schluss eine Geschichte für uns parat?

Harald Lesch: Die schönsten Geschichten sind die wahren Geschichten. Alle, die das Thema Energiewende interessiert, könnten sich auf der Homepage von Wildpoldsried oder von Fuchstal tolle Geschichten anschauen. So geht Energiewende in Deutschland: Jetzt und für alle! Und es gibt die tolle Geschichte der Bürgerwerke überall in Deutschland: Gemäß dem Motto: "Energiewende in Bürgerhände". In diesen und vielen anderen Kommunen wird Wissenschaft ernst genommen! Da sieht man, was möglich ist! Lassen Sie sich inspirieren.

DSZ: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Dr. Cecilia Scorza ist auf dem Podium der DSZ-Veranstaltung "Geschichten über die Zukunft: Meine persönliche Agenda 2030" auf dem Deutschen Stiftungstag in Leipzig.
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