Die Dresdener Forschungsgruppe "Gesunde-Orte-Index" entwickelt ein webbasiertes Tool zur Planung gesunder Lebensräume und Förderung der öffentlichen Gesundheit. Fünf Fragen an den Projektleiter Prof. Dr. Sebastian Völker.
23. März 2026
Die Dresdener Forschungsgruppe "Gesunde-Orte-Index" entwickelt ein webbasiertes Tool zur Planung gesunder Lebensräume und Förderung der öffentlichen Gesundheit. Fünf Fragen an den Projektleiter Prof. Dr. Sebastian Völker.
23. März 2026
Prof. Dr. Sebastian Völker, Sie sind Leiter der Juniorforschungsgruppe: Was genau planen Sie im Rahmen des Projekts "Gesunde-Orte-Index"?
Die positive Wirkung von Natur auf unsere Gesundheit ist in der Wissenschaft gut belegt. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Grün- und Wasserflächen in Städten Stress reduzieren und zu mehr Bewegung anregen. Das Problem ist jedoch, dass dieses Wissen kaum in der täglichen Planungspraxis ankommt. Es fehlt an standardisierten Methoden, um die gesundheitsförderliche Qualität eines Ortes objektiv zu messen und diesen Wert für Planungsentscheidungen nutzbar zu machen. Genau hier setzen wir an. Wir haben den Anspruch, diese Lücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und praktischer Anwendung zu schließen. Wir entwickeln die empirische Grundlage, um die gesundheitsfördernden Eigenschaften von Orten zu quantifizieren und mit realen Gesundheitsdaten zu verknüpfen. Unsere Kernfragen lauten: Welche messbaren Merkmale machen einen Ort gesund? Und wie können wir diese Erkenntnisse in ein digitales Werkzeug übersetzen, das Planerinnen und Planer bei ihren Entscheidungen unterstützt?
Wie gehen Sie dazu vor?
Wir integrieren Daten zur räumlichen Krankheitsverteilung, um diese zu quantifizieren und "Gesundheits-Cluster" zu identifizieren. Dabei setzen wir auf geostatistische Methoden, Machine-Learning und geographische Informationssysteme (GIS). So können wir systematisch Einflussfaktoren für gesunde Umgebungen ermitteln. Diese überführen wir in benutzerfreundliche, webbasierte Planungstools für eine großflächige Anwendung.
Ein Werkzeug zu entwickeln, das die systematische Planung gesunder Lebensräume unterstützt, das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was ist der Gesunde-Orte-Index (GO-IX) und was ist ein WebGIS-Tool?
Das Ziel ist, ein Instrumentarium für Planungsexpertinnen und -experten zu schaffen, um gesunde Lebensräume gezielt zu fördern. Der Gesunde-Orte-Index (GO-IX) geht über eine herkömmliche Karte hinaus und wird zu einem interaktiven Planungswerkzeug, das die systematische Gestaltung gesunder Lebensräume unterstützt. Durch den Einsatz von Machine-Learning-Ansätzen, Geostatistik und Zugangsanalysen zu gesundheitsfördernden Orten können wir gezielt Gebiete identifizieren und die Gründe für ihre gesundheitsfördernden oder -hemmenden Eigenschaften erläutern. Eine interaktive Karte ermöglicht es Planungsexpertinnen und -experten, direkt am spezifischen räumlichen Kontext anzusetzen und tiefere Analysen durchzuführen.
In unserer Juniorforschungsgruppe haben wir die Analysekompetenz und das Know-how im strategischen Datenmanagement aus Theorie und Praxis. Zugleich bauen wir auf den zuvor von unseren Teammitgliedern entwickelten Daseinsvorsorgeatlas auf. Das ist ein WebGIS-Planungstool, das Versorgungsanalysen für verschiedene Themenbereiche, darunter auch Gesundheit, ermöglicht. Unsere Vision ist ein Google Maps für die öffentliche Gesundheit. Einfach zu bedienen, interaktiv und entsprechend der individuellen Planungspräferenzen anpassbar.
Das klingt sehr ambitioniert – worin liegen die Herausforderungen?
Die Herausforderungen sind natürlich vielfältig. Zunächst ist es wichtig, den eingangs erwähnten Zusammenhang zwischen Natur und Gesundheit in valide und messbare Daten zu übersetzen. Das ist komplex, da viele soziale und bauliche Faktoren eine Rolle spielen. Zweitens benötigen wir robuste Daten – Gesundheits-, Umwelt- und Infrastrukturdaten, wobei wir neben der technischen Umsetzung auch die Datenschutzanforderungen erfüllen müssen.
Zuletzt sind wir uns auch bewusst, dass derartige Anwendungen hin und wieder einen Fingerzeig auf Entwicklungspotenziale in der Raumentwicklung und Raumordnung geben und zu Zielkonflikten führen können, sowohl inhaltlich als auch institutionell. Und das beste Werkzeug nützt nichts, wenn es nicht in der Planungspraxis Verwendung findet. Deshalb entwickeln wir das Tool nicht für Planerinnen und Planer, sondern von Anfang an mit ihnen im Co-Design.
Damit dient Ihr Forschungsvorhaben nicht nur der Erstellung eines empirischen Fundaments, um Erkenntnisse über Merkmale gesundheitsfördernder Landschaften zu gewinnen, sondern erfüllt auch einen Auftrag hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit ...
Das ist richtig. Arztpraxen, Umweltbelastungen sowie soziale und kulturelle Angebote, die die öffentliche Gesundheit beeinflussen, sind nicht gleichmäßig verteilt. Daher ist die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebenswelten auch eine Frage der sozialräumlichen Gerechtigkeit. Es ermöglicht Planerinnen und Planern, gesundheitliche Ungleichheiten zu erkennen und zu mildern, und geht dadurch über bloße wissenschaftliche Erkenntnis hinaus.
Wir hoffen, mit dieser einmaligen Gelegenheit, die uns die Peter Beate Heller-Stiftung hiermit ermöglicht, einen Beitrag leisten zu können, um regionale Unterschiede in der öffentlichen Gesundheit sichtbar zu machen und langfristig zu reduzieren. Konkret heißt das, vorhandene Infrastruktur gerechter für alle verfügbar zu gestalten und, wo nötig, gezielt auszubauen.