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Verleihung des Sobek-Forschungspreises 2020 und des Sobek-Nachwuchspreises

21.12.2020

Insgesamt 115.000 Euro Preisgelder für klinische und experimentelle Forschung auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose (MS) vergeben

Die Roman, Marga und Mareille Sobek-Stiftung hat 2020 zum 21. Mal den Sobek-Forschungspreis verliehen.

Die europaweit höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Multiple-Sklerose-Grundlagenforschung ist mit 100.000 Euro dotiert. Preisträger ist Professor Alan J. Thompson vom Queen Square Institute of Neurology, Dekan der Faculty of Brain Sciences im University College London. Mit dem Nachwuchspreis und 15.000 Euro Preisgeld würdigte die Sobek-Stiftung die Forschungsarbeit von Privatdozent Dr. med. Benjamin Knier, Neurologische Universitätsklinik der TU München.
 

Meilensteine in der Diagnostik der progredienten MS
Die wissenschaftlichen Leistungen des gebürtigen Iren Thompson sind in der internationalen Fachwelt als Meilensteine in der Grundlagenforschung der MS anerkannt. Sie erstrecken sich auf die drei Themenbereiche: Definition des klinischen Phänotyps der MS mit dem Schwerpunkt auf den progredienten Formen der MS, MS-Therapie einschließlich Neurorehabilitation und diagnostische Relevanz der Kernspintomografie.

Alan Thompson leistete Pionierarbeit bei der Aufklärung der besonders schwer verlaufenden und bis heute nur begrenzt therapierbaren primär progredientem Form der MS. Seine, mit anderen Experten gemeinsam, durchgeführten wissenschaftlichen Arbeiten haben entscheidend dazu beigetragen, die von seinem früheren Lehrer, dem 2006 verstorbenen Prof. W. Ian McDonald begründeten Diagnose-Kriterien aller verschiedenen MS-Verlaufsformen zu erweitern und für Neurologen weltweit verbindlich zu definieren. Diese erweiterten "McDonald-Kriterien" bilden die Basis für die klinischen Therapiestudien der letzten zwei Jahrzehnte, die für die MS-Betroffenen eine grundlegende Verbesserung und einen noch besser differenzierten Einsatz der modernen Therapie-Optionen ermöglicht haben.

Schon Anfang der 1990er Jahre gelang Thompson und seiner Arbeitsgruppe die diagnostische Abgrenzung zwischen der sekundär progredienten Form, der schubförmigen MS und der primär progredienten Form. Ein weiterer bedeutender Fortschritt für den patientengerechten Einsatz von Therapien war Thompsons Definition klinischer und insbesondere kernspintomografischer Kriterien, die eine frühzeitige Prognose des Krankheitsverlaufs ermöglichen. Richtungsweisend waren auch seine funktionellen Kernspin-Studien am betroffenen Sehnerv, die den Nachweis einer Regenerationsfähigkeit durch Neuroplastizität erbrachten. Einen neuen Schwerpunkt seiner neurologischen Forschungen setzt Thompson auf traumatische Hirnverletzungen: aus dem Studium der Krankheitsmechanismen nach Gehirntrauma verspricht er sich Erkenntnisse zu den bis heute rätselhaften Progressionsmechanismen in späteren Stadien der MS.

Prof. Thompson publiziert in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften, hielt zahlreiche bedeutende Vorträge weltweit und erhielt mehrere Ehrungen für seine Arbeiten. Er hat ein internationales Netzwerk von MS-Forschern im Gebiet der progredienten MS aufgebaut, die "International Progressive MS Alliance", um die noch ungeklärten Krankheitsmechanismen aufzuklären. Neben der Forschung engagiert er sich stark in der Lehre und ist Herausgeber von Lehrbüchern über MS und Neurorehabilitation.
 

Leukozyten mit Suppressionswirkung auf das Autoimmungeschehen
Mit dem mit 15.000 Euro dotierten Nachwuchspreis zeichnete die Sobek Stiftung Privatdozent Dr. med. Benjamin Knier von der Neurologischen Universitätsklinik im Klinikum rechts der Isar der TU München aus.

Dr. Knier ist seit 2019 Oberarzt der Klinik und Leiter des neurologischen Labors für Optische Kohärenztomografie (OCT). Krankhafte Veränderungen der Netzhaut bei MS-Erkrankten sind seit 2015 einer seiner klinischen Forschungsschwerpunkte. Sie lassen sich mittels OCT genau abbilden, vermessen und analysieren. Seine teils bahnbrechenden Forschungsergebnisse in diesem Bereich haben Dr. Knier ein weithin anerkanntes Forschungsprofil verschafft. So konnte er nachweisen, dass das OCT bereits im Vorstadium der MS sichtbare Veränderungen der Netzhaut aufzeigt, die Hinweise auf den späteren Krankheitsverlauf geben können. Das OCT ist zudem ein wichtiges Instrument für die Beurteilung des MS-Krankheitsverlaufs.

In seinem grundlagenwissenschaftlichen Arbeitsbereich gelang Dr. Knier Nachweis und Definition spezieller Leukozyten in Gehirn und Liquor (Nervenwasser), der "myeloiden Suppressorzellen". Diese können offensichtlich die schädliche Aktivität autoimmuner B-Lymphozyten dämpfen. Knier und Kollegen konnten die molekularen und zellulären Prozesse aufzeigen, die konventionelle Leukozyten zu solch immunregulatorischen "Suppressoren" umwandeln können. Speziell gezüchteten Mäusen wurde diese Leukozytenart im Experiment entfernt mit dem Effekt, dass sich die Hirnentzündung verstärkte. Wurde im Gegenzug die Suppressor-Wirkung dieser Regulatorzellen verstärkt, nahm die Entzündung ab und der Krankheitsverlauf wurde gedämpft. Auf Basis dieser Erkenntnisse lassen sich künftig Substanzen entwickeln, die ein hohes therapeutisches Potenzial für eine erfolgreiche Behandlung der MS erwarten lassen.

Mit Prof. Thompson und Dr. Knier zeichnete die Sobek Stiftung auch in diesem außergewöhnlichen Jahr 2020 zwei herausragende Wissenschaftler aus, die mit ihren Forschungsergebnissen neue Perspektiven für die Diagnose und Therapie der MS als Autoimmunerkrankung eröffnen. Die Sobek Stiftung verleiht jährlich ihren Forschungspreis auf Vorschlag eines wissenschaftlichen Beirates in Zusammenarbeit mit der AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG, und DMSG-Bundesverband.

 

Pressekontakt

Jutta Hirscher
Leiterin Kommunikation
AMSEL Aktion Multiple Sklerose Erkrankter
Baden-Württemberg e.V.
T 0711 6978660
E-Mail senden

 

Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste Erkrankung des Zentralnervensystems. Aus bislang noch unbekannter Ursache werden die Schutzhüllen der Nervenbahnen an unterschiedlichen Stellen angegriffen und zerstört, Nervensignale können in der Folge nur noch verzögert oder gar nicht weitergeleitet werden. Die Symptome reichen von Taubheitsgefühlen über Seh-, Koordinations- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Lähmungen. Die bislang unheilbare, aber mittlerweile behandelbare Krankheit bricht gehäuft zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr aus. In Deutschland leiden rund 250.000 Menschen an MS. Weltweit sind schätzungsweise 2,8 Millionen Menschen an MS erkrankt.

Die Roman, Marga und Mareille Sobek-Stiftung aus Renningen (Baden-Württemberg) zeichnet mit dem Sobek-Forschungspreis richtungsweisende Leistungen von Wissenschaftlern an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Bereich der Multiplen Sklerose und der dazugehörenden Grundlagenforschung aus. Entscheidungskriterien sind allein
Qualität und Exzellenz der Forschungsleistung. Es kann sowohl eine außerordentliche wissenschaftliche Einzel- als auch eine Gesamtleistung gewürdigt werden. Die Sobek-Stiftung verleiht ihren Forschungspreis auf Vorschlag eines wissenschaftlichen Beirates in Zusammenarbeit mit der AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V. und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. (DMSG). Die Schirmherrschaft für die Preisverleihung hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg.

Die AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V. ist Fachverband, Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung für MSKranke
in Baden-Württemberg. Die Ziele der AMSEL: MS-Kranke informieren und ihre Lebenssituation nachhaltig verbessern. Der AMSEL-Landesverband hat rund 8.600 Mitglieder und über 60 AMSEL-Gruppen in ganz Baden-Württemberg. Schirmherrin der AMSEL ist seit 1982 Ursula Späth.

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft wurde 1952/53 als Zusammenschluss medizinischer Fachleute gegründet, vertritt die Belange Multiple Sklerose Erkrankter und organisiert deren sozialmedizinische Nachsorge. Die DMSG mit Bundesverband, 16 Landesverbänden und derzeit rund 830 örtlichen Kontaktgruppen ist eine starke Gemeinschaft von MS-Erkrankten, ihren Angehörigen, knapp 4.000 engagierten ehrenamtlichen Helfern und 290 hauptberuflichen Mitarbeitern. Insgesamt hat die DMSG rund 44.000 Mitglieder. Mit ihren umfangreichen Dienstleistungen und Angeboten ist sie heute Selbsthilfe- und Fachverband zugleich, aber auch die Interessenvertretung MS-Erkrankter in Deutschland. Schirmherr des DMSG-Bundesverbandes ist Christian Wulff, Bundespräsident a.D.