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Nichts ist im Naturschutz einfach und schnell erledigt

14.06.2022

Christof Schenck ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Mit einem weltweiten Netzwerk, großem Engagement und unbeirrbaren Optimismus setzt sich der Biologe und Naturschützer für die Erhaltung von Wildtieren und Wildnis ein. In den vergangenen über 20 Jahren, in denen er die ZGF leitet, hat er diese zu einer international respektierten Naturschutzorganisation entwickelt und ihr Naturschutzprogramm professionalisiert. Für die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins Stiftung&Sponsoring traf DSZ-Geschäftsführer Erich Steinsdörfer Christof Schenck zum Interview.

Lieber Herr Dr. Schenck, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) setzt sich in 18 Ländern für die Erhaltung von Wildtieren und Wildnis ein. Welche Rolle spielen (große) Schutzgebiete im Naturschutz?
Sie gehören zum essenziellen Rettungspaket in der globalen Dreifachkrise aus Klimawandel, Massenaussterben von Arten und Pandemien. In den Schutzgebieten wird massiv Kohlenstoff gespeichert, der Wasserhaushalt aufrechterhalten, sie sind Lebensräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Sie schützen uns vor Fluten, Dürren und neuen Krankheiten. Sie sichern unsere Nahrung und in manchen Orten generieren sie signifikante Einnahmen durch Tourismus. Kurzum: Sie sind das wichtigste Instrument im Naturschutz, und ihre Rolle geht weit darüber hinaus. Sie sind essenziell bei der Lebenssicherung der Menschheit.

Wie hat sich die Arbeit von Naturschutzorganisationen wie der ZGF in den vergangenen zwei Jahrzehnten, auch in Hinblick auf Internationalität und Intersektoralität, verändert?
Wir sind nach wie vor auf vier Kontinenten unterwegs, mit dem Schwerpunkt in Afrika, gefolgt von Südamerika. In Europa haben wir uns weiter nach Osteuropa verlagert zu den ursprünglicheren Wäldern und großen Auen. Unser großes Thema ist weiterhin artenreiche Wildnisgebiete zu schützen. Wir sind stark gewachsen, bei den Mitteln, beim Personal und bei den Flächen. Und die Arbeit ist noch komplexer geworden, insbesondere bei der Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung in der Nachbarschaft der Schutzgebiete. Mit Landnutzungsplanung, Entwicklung von Einkommensalternativen und Umweltbildung sind wir inzwischen auch ein signifikanter Partner der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit.

Foto: Jeldrik Schroer/ZGF
Christof Schenck

Die ZGF unterhält ein Regionalbüro in Lwiw und arbeitet mit Projektpartnern in mehreren Schutzgebieten in der Ukraine zusammen. Wie ist die aktuelle Situation vor Ort – inwiefern konnten und können Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Ihre Kooperationspartner von Frankfurt aus unterstützen?
Der Krieg ist dramatisch und unendlich tragisch. Die Verhältnisse ändern sich jeden Tag. Tausende Menschen sind vor Bomben und Panzern aus den Städten auch in die abgelegenen Nationalparks im Westen des Landes geflohen. Mit Gütertransporten aus Deutschland, der Slowakei und vor allem Rumänien unterstützen wir die Parkverwaltungen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. In den im Frühjahr und Sommer oft trockenen Wäldern im Norden, aber auch in den Sumpflandschaften im Osten kommt es jetzt zu Bränden, natürlich auch durch das Kriegsgeschehen. Hier liefern wir Brandbekämpfungsausrüstung und helfen beim Frühwarnsystem. 

Auch wenn die weiteren Entwicklungen schwer einzuschätzen sind: Mit welchen mittelfristigen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die europäische Programmarbeit der ZGF rechnen Sie?
Es sind dramatische Auswirkungen bisher ungekannter Ausmaße. Wir wissen nicht, wie lange wir weiter im Krisenmodus fahren müssen und wann wir – hoffentlich bald – zum Wiederaufbau kommen. Klar ist, dass dann kaum nationale Mittel für den Naturschutz zur Verfügung stehen werden und gleichzeitig die Kosten für die Wiederherstellung der Infrastruktur und Munitionsräumung sehr groß sein werden. Und die Wälder müssen vor einem Ausverkauf geschützt werden. Das Europa-Programm wird sich sicher auf die Ukraine konzentrieren müssen, sofern man in der Zukunft dort arbeiten kann. Weitere staatliche und private Geber werden dann sehr wichtig.

Die ZGF ist einer der Partner des Naturerbe-Fonds "Legacy Landscapes Fund" (LLF), einer selbstständigen gemeinnützigen Stiftung, an der sich Deutschland, Frankreich, private Stiftungen und internationale Naturschutzorganisationen beteiligen. Mit welchem Ziel ist der LLF entstanden?
Das Ziel ist, die Mona Lisas dieser Welt, die artenreichsten und größten Nationalparks, dauerhaft zu schützen – in einer zeitlichen Perspektive wie bei diesem berühmten Gemälde, das mehr als 500 Jahre alt ist. Obwohl Nationalparks auf die Ewigkeit angelegt sind, haben sie keine entsprechende Finanzierung, denn die speist sich aus den wechselhaften staatlichen Haushalten, manchmal auch aus ebenfalls unsicheren Tourismuseinnahmen und privaten Spenden. Vor allem im so bedeutenden globalen Süden sind Parks chronisch unterfinanziert. LLF ist angetreten, diese Lücke zu füllen und eine Basisfinanzierung für die Ewigkeit zu geben, die Planbarkeit und Krisenstabilität gibt. Weitere Bedingungen sind, dass vor Ort eine NGO mit den staatlichen Behörden zusammenarbeitet und dass ein Drittel der Stiftungsmittel aus privaten Taschen kommt. LLF kann beliebig wachsen. Es kann ein, aber auch 100 oder 500 Schutzgebiete finanzieren, je nachdem wie das Stiftungskapital aufgestockt wird. Es ist eine geniale Konstruktion zur Zukunftssicherung. Nicht ausschließlich, natürlich nicht, aber als ganz wichtiger Puzzlestein.

Das Ziel ist, die Mona Lisas dieser Welt, die artenreichsten und größten Nationalparks, dauerhaft zu schützen – in einer zeitlichen Perspektive wie bei diesem berühmten Gemälde, das mehr als 500 Jahre alt ist.

 
Welche Kriterien gelten für die Auswahl von Legacy Landscapes?

Nationalparks, die LLF-Förderung bekommen, müssen mindestens 2.000 km2 umfassen (d.h. ein Gebiet allein ist schon größer als die Landfläche aller 16 deutschen Nationalparks zusammen). Sie müssen den strengen Schutzkategorien I und II der Weltnaturschutzorganisation IUCN entsprechen und in Entwicklungsländern liegen. Zudem sollten sie eine hohe Biodiversität aufweisen und möglichst ursprünglich sein. Jedes Legacy Landscape-Gebiet erhält eine Million Dollar pro Jahr. Für immer – sofern der Naturzustand erhalten wird. Dazu müssen pro Gebiet ca. 30 Millionen im Stiftungskapital liegen, ein Drittel davon muss aus privaten Mitteln stammen. Derzeit gibt es noch ein weiteres Modell, mit einer Finanzierung über 15 Jahren als abschmelzender Fonds, bei dem die private Seite fünf und die staatliche zehn Mio. Dollar aufbringt. Aber damit erreicht man halt erstmal nicht das Dauerfinanzierungsziel. In jedem Fall geht es um viel Geld und daher muss man sich auf die wichtigsten Gebiete konzentrieren.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass der LLF bis 2030 den anvisierten Kapitalstock von rund einer Milliarde US-Dollar aufbaut?
Wir geraten immer tiefer in den Katastrophensturm aus Klimawandel und Verlust der biologischen Vielfalt. Längst wissen wir, dass es viel günstiger ist, Natur zu erhalten, als die Folgen des Verlusts zu bezahlen. Diese Erkenntnis wird sich zunehmend in ein Handeln transformieren. Eine Mrd. Dollar ist sehr viel Geld – aber dennoch ist die Summe geradezu winzig angesichts der Militärausgaben, den Corona-Kosten oder dem Ausstieg aus der Kohleförderung. 100 bis 300 Millionen Dollar pro Jahr sollte uns die Absicherung von Schutzgebieten in der Ausdehnung europäischer Länder schon wert sein. Und 2030 ist ein Meilenstein, aber nicht das Ende der Reise.

Zurzeit läuft die erste öffentliche Ausschreibung des LLF. Welche Konzepte erhoffen Sie sich? Wie können private Mittelgeber und Stiftungen den LLF darüber hinaus unterstützen?
Ich bin überzeugt, dass eine ganze Reihe renommierter, internationaler Naturschutzorganisationen mit hervorragenden Konzepten und Gebieten ins Rennen geht. Ich habe allerdings Sorgen, dass nicht genügend staatliche Mittel dann zur Verfügung stehen. Für jeden Antrag brauchen die NGOs einen privaten Partner, der fünf oder zehn Mio. Dollar auf den Tisch legt. Die LLF-Mittel sollen dann den Basisbetrieb sichern.  Darüber hinaus braucht man aber immer auch Projektmittel, und da gilt tatsächlich: Jeder Euro hilft. Diese Mittel sollten direkt über die NGOs abgewickelt werden. LLF ist für die großen Summen und die Ewigkeit dar.

Warum geht immer noch das meiste Geld in den globalen Norden anstatt in die Schatzkammern der Biodiversität im Süden – oftmals in Form zeitlich begrenzter Projektförderung?
Gute Frage! Das meiste Geld kommt aus dem vermögenden Norden und man ist sich immer noch selbst am nächsten, obwohl längst klar ist, dass der Verlust von geplünderten Schatzkammern die ganze Welt und alle kommenden Generationen betrifft. Mit unserem hohen ökologischen Fußabdruck und unserer historischen Schuld im Ressourcenverbrauch ist es höchste Zeit Rechnungen zu begleichen. Wir müssen den globalen Süden viel stärker unterstützen, natürlich auch mit langfristigen Ansätzen. Nichts ist im Naturschutz einfach und schnell erledigt. Daher schließt Ihre Frage eigentlich auch einen wichtigen Appell an die Bundesregierung ein.

Foto: Pixabay
Einer der Schwerpunkte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt liegt im Naturschutz in Afrika.

 
Von der grünen Anlage des Stiftungsvermögens bis hin zur klimaneutralen Veranstaltungsorganisation: Stiftungen können auf vielen Handlungsfeldern klimafreundlich agieren. Sie sind Mitglied in Gremien einiger Stiftungen – etwa der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg oder der Eleonore-Beck-Stiftung. Wie ist Ihre Wahrnehmung – nehmen Stiftungen eine gesellschaftliche Vorreiterrolle im Klimaschutz ein? Oder ist das Thema auf den gesamten Sektor gesehen immer noch ein "blinder Fleck"?

Ich glaube, es ist ein Blinder Fleck, der deutlich kleiner wird. Einerseits denkt man: Wir tun ja schon was Gutes mit unserem Stiftungszweck, und übersieht dabei den eigenen negativen Einfluss, der allerdings ohnehin eher gering ist, denn die meisten Stiftungen sind ja nicht im produzierenden Gewerbe aktiv. Andererseits sind gemeinnützige Stiftungen eher sensibel, was den eigenen Fußabdruck angeht und daher passiert dort auch einiges.

Erfolgreicher Naturschutz ist Teamarbeit. Mit Blick auf unseren Titel "Brücken bauen": Wie gelingt es Ihnen in Ihrer Arbeit, langfristige und tragfähige Kooperationen mit lokalen Gemeinden, Naturschutzbehörden, Nationalparkverwaltungen und andere NGOs aufzubauen?
Dazu braucht es eine ganze Reihe von Zutaten: Lange Präsenz vor Ort – das ist sicher zentral. Hinzu kommen: Aufbau von gegenseitigem Vertrauen, professionelle und transparente Arbeit, gute Kommunikation, wozu meist auch die Landesprache gehört, Einfühlungsvermögen in andere Kulturen und Offenheit – gerade auch was kritische Punkte angeht. Ganz bedeutsam sind dabei unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Viele der Bedingungen dort erleben sie genauso wie die Partner und die lokale Bevölkerung. Das schweißt zusammen.

Trotz aller Verluste, es ist noch viel da von dieser magischen Schönheit und Vielfalt auf diesem blauen Planeten.

 

Zu Ihrem Aufgabenbereich gehören regelmäßige Projektbesuche auf vier Kontinenten. Wohin geht Ihre nächste Dienstreise?
Wahrscheinlich nach Peru in den Purus Nationalpark. Während ich den angrenzenden Manu-Nationalpark gut kenne und dort auch Jahre zugebracht habe, war ich tatsächlich noch nicht in dem schwer zugänglichen Nachbar-Park.

In Vorträgen und Interviews sprechen Sie regelmäßig die drei Krisen an, in denen die Menschheit sich befindet und die sich gegenseitig verstärken: den Verlust der Artenvielfalt, den Klimawandel und die Pandemien. Gab es für Sie persönlich den einen Aha-Moment, in dem Sie die Dramatik der Lage realisiert haben? Was lässt Sie gleichzeitig optimistisch bleiben?
Bei der Corona-Pandemie kam das ganz schnell. Als die ersten Fälle in Deutschland auftraten, war mir klar, dass wird nicht glimpflich ablaufen. Und wir Biologen wussten natürlich, dass das Pandemierisiko kontinuierlich ansteigt. Uns war klar, dass es so was geben wird, nur nicht wann und wie. Bei den anderen Krisen war es eher ein Hineingleiten. Jedes Jahr wurden die Zahlen schlechter und die Warnungen der Wissenschaftler lauter. Und natürlich sehen wir das Abholzen der Wälder, das Abschlachten der Elefanten, den Bau von Straßen und Dämmen in Schutzgebieten jeden Tag. Nicht erst seit gestern. Gleichzeitig würde ich mich als Berufsoptimisten bezeichnen. Das ist wohl eine Bedingung für den Job. Die grandiosen Regenwälder, unberührte Bergketten bis zum Horizont, Hundertausende von Huftieren in den Savannen Afrikas – das zeigt mir immer wieder: Trotz aller Verluste, es ist noch viel da von dieser magischen Schönheit und Vielfalt auf diesem blauen Planeten. Und dann gibt es noch die meist überaus gastfreundliche und hilfsbereite Bevölkerung, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns in der ZGF und auch in den Partnerorganisationen, die mit viel Herzblut unglaublich engagiert dabei sind – all das gibt Energie und fördert den Optimismus – für ein ganzes Berufsleben und weit darüber hinaus. Wir haben uns selbst Homo sapiens genannt. Der vernünftige Mensch. Derzeit verhalten wir uns zwar nicht gerade entsprechend, aber Menschen sind schlau. Diese Intelligenz hat uns leider an den Abgrund geführt, sie kann uns aber auch helfen umzukehren. Unser Name ist nicht völlig abwegig. Wir können vernünftig handeln. Wir sind keinen externen Mächten ausgeliefert. Wir haben alles selbst in der Hand. Wir könnten es gut machen.

 

Dr. Christof Schenck studierte Biologie und promovierte mit der Lebensraumanalyse für Riesenotter in Peru. Dafür lebte er mehrere Jahre in den dortigen Regenwäldern. 1996 wechselte er in die Zentrale der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Im Jahr 2000 wurde er Geschäftsführer und übernahm 2004 zusätzlich die Leitung der Stiftung Hilfe für die bedrohte Tierwelt. Dr. Schenck ist in zahlreichen Stiftungen und Gremien vertreten, wie der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, der Eleonore-Beck-Stiftung und der Foundation Conservation Carpathia; er ist Mitglied in der Polytechnischen Gesellschaft und der Initiative Frankfurter Stiftungen. Er ist Vorstandsvorsitzender der Frankfurt Zoological Society in den USA, Kuratoriumsmitglied bei Senckenberg, Vorstandsmitglied bei BioFrankfurt und Mitglied des Advisory Committees der Legacy Landscape Foundation, wie auch Geschäftsführer der Frankfurt Conservation Center gGmbH. 2017 wurde er mit dem NatureLife Umweltpreis ausgezeichnet und 2021 mit der Eine-Welt-Medaille des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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