Herr Dr. Markov, Sie sind Hauptverantwortlicher im Projekt "ChronoBlue", das im Jahr 2025 eine Förderung durch die Peter Beate Heller-Stiftung erhielt. Wofür steht das Akronym?
Das Forschungsvorhaben "ChronoBlue – Licht, Leistung, Lebensqualität" steht zum einen für die innere Uhr ("chrono"), zum anderen für Blaulicht ("blue"). Wir haben alle eine "innere Uhr", die unseren Biorhythmus steuert. Wenn wir uns entgegen diesem natürlichen Rhythmus verhalten, zum Beispiel weil wir eigentlich Spätaufsteher sind, aber für einen Termin um 5 Uhr morgens der Wecker klingelt, dann merken wir das durch Müdigkeit und fehlende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Ob wir unser individuelles Leistungsmaximum früh ("Lerche") oder spät ("Eule") haben, ist größtenteils genetisch bedingt. Interessanterweise wird aber diese innere Uhr durch externe Stimuli mit dem Tagesrhythmus synchronisiert. Der stärkste äußere Zeitgeber dieses circadianen Rhythmus ist Licht. Insbesondere kurzwelliges blaues Licht ist ein extrem wirksamer Faktor, um eine "verschobene" innere Uhr durch Simulation natürlicher Lichtverhältnisse an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.
Was genau untersuchen Sie in Ihrem Projekt?
Wir untersuchen, wie gezielt eingesetztes Blaulicht die innere Uhr des Menschen beeinflussen kann, um körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Regeneration nachhaltig im Tagesverlauf zu optimieren. Dazu erheben wir in Kooperation mit dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vergleichend verschiedene physiologische und kognitive Kennzahlen bei Schwimmerinnen und Schwimmern mit oder ohne Intervention durch Blaulicht, denn diese Zielgruppe weist eine gut messbare, recht stabile Leistung auf. Anders gesagt: manche der Athletinnen und Athleten absolvieren ein Trainingsprogramm, nachdem sie zu bestimmten Uhrzeiten in chronobiologisch sensiblen Zeitfenstern (zum Beispiel während der Morgen- und Abenddämmerung) eine Blaulichtbrille aufgesetzt haben. Andere absolvieren ihr ganz normales Programm als Kontrollgruppe. Durch den Vergleich von Parametern wie Chronotyp, Schlafqualität, physiologischen Stressmarkern, Körperkerntemperatur und sportlicher Leistung können wir quantifizieren, welchen Effekt genau Blaulicht auf die Leistungsfähigkeit hat. Vor allem aber auch, in welchen Phasen des persönlichen Biorhythmus der Stimulus optimal oder gar kontraproduktiv wirkt. In der Folge können wir Empfehlungen entwickeln, ob Blaulichtbrillen ein wirksames Instrument darstellen, um die Phasenlage der inneren Uhr gezielt zum Beispiel im Einklang mit der vorgegebenen Startzeit in einem Wettkampf zu verschieben und dadurch die Leistungsfähigkeit positiv zu beeinflussen.
Im Leistungssport können bereits geringe Unterschiede in der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit wettkampfrelevant sein, wodurch Einflussfaktoren wie Tageszeit, individueller Chronotyp und (social) Jetlag besondere Bedeutung gewinnen. Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, wie Tageszeit, Chronotyp und Reisen über Zeitzonen hinweg die körperliche und kognitive Leistung beeinflussen. Ziel ist es daher, das individuelle Leistungsmaximum zeitlich auf die Anforderungen in Training und Wettkampf abzustimmen, damit Leistungspotenziale zum relevanten Zeitpunkt bestmöglich abrufbar sind.