"Wir freuen uns, mit Sivan Ben Yishai eine Künstlerin zu gewinnen, deren Schreiben die Gegenwart auf ähnlich kompromisslose Weise wie René Pollesch befragt", so der Theaterwissenschaftler der Freien Universität Berlin und Juryvorsitzende Jan Lazardzig. Der Jury gehörten auch die Dramaturgin Anna Heesen, die Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Joy Kristin Kalu, der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger sowie die Autorin und Willms Neuhaus-Preisträgerin 2024 Esther Slevogt an.
"Wie ein roter Faden durchzieht die Theatertexte Sivan Ben Yishais die Auseinandersetzung mit spezifischen Konventionen des Schreibens", heißt es in der Jury-Begründung. In der poetischen, nicht selten drastischen Sprache von Sivan Ben Yishai würden Mythos und Tradition, Kanon und Repräsentativität mit Alltäglichem amalgamieren. "Dabei spielt der Zufall als strukturelles Prinzip eine bedeutende Rolle. Er funktioniert als Methode der Textorganisation, der Stimmenführung und der politischen wie poetischen Perspektivverschiebung. Leben als Widerfahrnis, als ein von Unberechenbarkeit, historischer wie sozialer Determiniertheit und Gestaltungswillen geprägter Zusammenklang, wird bei Ben Yishai im Spiegel dramatischer und theaterbezogener Regeln und Affordanzen unter das Brennglas ihres Schreibens gelegt."
Sivan Ben Yishai studierte Theaterregie und szenisches Schreiben in Tel Aviv und Jerusalem. Seit 2012 lebt die Künstlerin in Berlin. Sie gehört zu den bedeutendsten Theaterautorinnen und -autoren ihrer Generation. Ihre Stücke werden im deutschsprachigen Raum sowie international viel gespielt unter anderem in Südkorea, Frankreich, Spanien, Tschechien, Schweden, Finnland. Sie wurde zweifach mit dem Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet, 2022 für "Wounds Are Forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)" und 2024 für "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" und war zwei weitere Male nominiert, mit "LIEBE/Eine argumentative Übung" (2020) und mit "Bühnenbeschimpfung (Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?)" (2023). In der Kritik-Umfrage von Theater heute wurde sie in den Jahren 2022 und 2023 als Dramatikerin des Jahres geehrt. Mit ihrem Stück "Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)" in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele (Regie: Pınar Karabulut) war sie 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und erhielt 2023 den Theaterpreis Berlin im Rahmen des Theatertreffens, zu dem sie mit "Nora. Ein Thriller von Sivan Ben Yishai, Hendrik Ibsen, Gerhild Steinbuch, Ivna Žic" (Regie: Felicitas Brucker) erneut eingeladen war. Ihre Theaterstücke werden von den Autorinnen Maren Kames und Gerhild Steinbuch vom Englischen ins Deutsche übersetzt, für Essays und Kurzstücke wird dieses Team von Tobias Herzberg (Leitungsteam Schauspielhaus Wien) ergänzt. Seit 2018 vertritt der Suhrkamp Theater Verlag das dramatische Werk der Autorin.
Die öffentliche Antrittsvorlesung von Sivan Ben Yishai findet am 21. April 2026 um 18:00 Uhr im Hörsaal des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin (Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin) statt.