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Gesundheit ist nicht selbstverständlich

07.12.2021

Adel Tawil, Präsident der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, im Gespräch mit Erich Steinsdörfer, Vorsitzender der DSZ-Geschäftsleitung

Herr Tawil, die meisten Menschen kennen Sie als einen der erfolgreichsten und populärsten Musiker Deutschlands. Wie kam es, dass Sie Ende 2017 zum Präsidenten der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung gewählt wurden?
Bei einem schweren Badeunfall habe ich mir mehrfach einen Halswirbel gebrochen. Durch den Unfall und die lange Reha hat sich mein Leben deutlich geändert. Dazu gehört, dass ich verstehe, wie viel Glück ich hatte. Ich habe Menschen mit der gleichen Diagnose kennengelernt, die ihr Leben jetzt im Rollstuhl verbringen. Ich habe erlebt, dass es Situationen gibt, in denen man auf die Hilfe und den Sachverstand anderer Menschen angewiesen ist. Als Joachim Breuer, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, auf mich zukam und mir ihre Arbeit vorstellte, habe ich spontan entschieden, mich aktiv zu engagieren.

Wenn Sie auf Ihren Unfall und die Zeit danach zurückblicken: Wie haben Sie die neunmonatige Rehabilitation erlebt? Wann stand fest, welche Auswirkungen der Unfall auf Ihr weiteres Leben haben wird?
Ich denke, da ging es mir wie vielen Verletzten. Am Anfang wusste ich nur, dass es eine langwierige Behandlung wird – Ausgang ungewiss. Man hofft, man verzweifelt, man ist hilflos, man mobilisiert alle Kräfte. Ich war immer dankbar, wenn ich Menschen traf, die mir Zuversicht und Sicherheit gaben. Meine Stützen waren Familie und Freunde, die Ärzte und die Reha-Therapeuten. Die Rehabilitation selbst war wie Hochleistungssport: In vielen kleinen Schritten wieder Vertrauen in den Körper aufbauen, Belastungen austesten und sich in den Alltag zurück kämpfen. Als klar war, dass ich bis auf kleine Einschränkungen vollständig gesund werde und meinen Beruf weiter ausüben kann, war das ein kaum vorstellbares Glücksgefühl.

Wie hat diese Phase Ihres Lebens Ihre Einstellung zum Leben (und vielleicht auch zu Ihrer Gesundheit) verändert?
Tiefgreifend! Ich bin dankbar für das, was ich habe, und empfinde heute eine andere Art von Glück und Zufriedenheit. Das hört sich vielleicht pathetisch an, trifft es aber. Und zur Gesundheit? Wie viele Menschen habe ich lernen müssen, dass sie kostbar, verletzlich und nicht selbstverständlich ist.

Foto: ZNS – Hannelore Kohl Stiftung
Adel Tawil, Präsident der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung

 
Im Rahmen der aktuellen ZNS-Kampagne "Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass ..." beschreiben Sie Ihren Unfall in einem Video sehr detailliert, sodass es beim Zuhören schon beinahe wehtut. Neben Ihnen berichten drei weitere Menschen von ihren schweren Unfällen. Warum erzählt die Stiftung diese Geschichten gerade jetzt? Und warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, diese Geschichten zu erzählen?
Lassen Sie mich mit der Antwort auf die zweite Frage beginnen. Unsere Geschichten sollen schädelhirnverletzten Menschen und ihrem sozialen Umfeld Mut machen. Sie sollen zeigen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind. Denn auch wenn der Weg, der vor allen Beteiligten liegt, schwer, extrem belastend und herausfordernd ist, gibt es Hoffnung. Es gibt Menschen, die helfen und unterstützen. In der Familie und dem Freundeskreis, Fachleute in Kliniken und Rehaeinrichtungen, Selbsthilfegruppen und nicht zuletzt auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ZNS-Stiftung. Gleichzeitig machen wir die Öffentlichkeit auf die Lebenswirklichkeit schädelhirnverletzter Menschen aufmerksam, die von vielen – oft nicht sichtbaren – Einschränkungen geprägt ist. Damit möchten wir das Verständnis in der Gesellschaft für die verschiedensten Beeinträchtigungen erhöhen und für Prävention werben. Die Kampagne wird im kommenden Jahr fortgesetzt, so dass weitere Menschen von ihren Erfahrungen berichten werden. Sie alle verbindet eines: Die Überzeugung, dass es sich lohnt, für seine Träume zu kämpfen! Und damit zu Ihrer ersten Frage. Die ZNS-Stiftung erzählt von je her "Geschichten" schädelhirnverletzter Menschen, um auf ihr Schicksal und ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen, um auf notwendige gesundheits- und gesellschaftspolitische Änderungen hinzuweisen und um unseren Unterstützerinnen und Unterstützern zu berichten, was wir dank Spenden erreichen. Mit der Kampagne haben wir unseren Themen "Gesichter" gegeben, um gerade auch während der Corona-Pandemie Mut und Zuversicht zu signalisieren.

Das kann dich den Kopf kosten: Adel Tawil erzählt von seinem Unfall, seiner Kopfverletzung und der darauf folgenden Behandlung

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Sie haben sich schon vor Ihrer Tätigkeit für die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung sozial engagiert, etwa für geflüchtete Menschen und benachteiligte Kinder. Wie sehen Sie Ihr persönliches "Wirkungspotenzial" und wie können Sie dieses als Präsident der ZNS besonders gut entfalten?
Das ist eine spannende Frage. Mein persönliches Wirkungspotenzial? Ich setze mich, wie viele andere Künstler, für das ein, was mir am Herzen liegt. Ich weiß, dass mir viele Menschen zuhören und ich ihre Herzen erreiche. Mit meiner Musik und meinen Texten kann ich Stimmungen aufgreifen, Themen setzen und für andere erlebbar machen.

Was kann Musik auf dem (manchmal lebenslangen) Weg der Rehabilitation schädelhirnverletzter Menschen bewirken?
Unendlich viel. Lassen Sie mich das an Beispielen aus der Stiftung erzählen. Meine Kollegin und ZNS-Botschafterin, Eva Lind, engagiert sich seit Jahren für Musiktherapie bei Wachkomapatienten. Was sie berichtet, ist unglaublich: Schwerst traumatisierte Menschen erfahren über die Therapie Entspannung und Ansprache. Stefan Tiefenbacher, ebenfalls ZNS-Botschafter, musste nach einem Verkehrsunfall mit schwerem Schädelhirntrauma alles neu lernen. Er hat vor seinem Unfall Saxofon gespielt und sagt heute, dass ihm die Musik den Weg zurück ins Leben geebnet hat. Er lernte wieder sprechen, essen und lesen. Und so unglaublich es klingt: Er spielt heute wieder Saxofon, trotz Amputation eines Arms. Die positive Wirkung von Musik nutzen wir auch bei der Stiftungsarbeit. Beispielsweise beim Seminar "Mit Musik in Bewegung kommen" oder dem ZNS Tanzclub.

Ob in Kochkursen mit Menschen mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma oder Kuratoriumssitzungen: Was haben Sie bisher in den Begegnungen mit den Geförderten und haupt- und ehrenamtlichen Fachleuten der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung gelernt?
Unglaublich viel! Wie vielschichtig das Thema Schädelhirntrauma ist: Von der Prävention, den verschiedenen Phasen der Behandlung und Rehabilitation bis hin zur Teilhabe. Wie umfassend die Auswirkungen einer schweren Verletzung sind: Nicht nur für die Verletzten selbst, sondern für alle Familienmitglieder und das soziale Umfeld. Wie wichtig eine individuelle Behandlung ist, damit die Verletzten ein Maximum an Lebensqualität erreichen. Wie wichtig Prävention ist, um das alles zu verhindern. Ich könnte diese Liste endlos weiterführen. Mit jeder Begegnung lerne ich eine neue Facette der Stiftungsarbeit kennen.

Foto: ZNS – Hannelore Kohl Stiftung
Die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung bietet Kochkurse für Menschen mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma

 
Die häufigsten Ursachen für ein Schädelhirntrauma sind Stürze und Verkehrsunfälle – davon sind viele vermeidbar. Wie sieht die Aufklärungs- und Präventionsarbeit der Stiftung bei der risikoaffinen Zielgruppe der Jugendlichen (im digitalen Zeitalter) aus?
Wir gehen verschiedene Wege, um Kinder und Jugendliche anzusprechen. Gemeinsam mit der Initiative "Schütz Deinen Kopf!" stellen wir auf YouTube Informationsfilme für alle Altersgruppen zur Verfügung. Mit einer App informieren wir über Gehirnerschütterungen und ermöglichen einen direkten Online-Test. Für Lehrende gibt es einen digitalen Medienkoffer. In der Ansprache von Jugendlichen gibt es aber noch viel zu tun. Deswegen nutzen wir verstärkt soziale Netzwerke. Besonders hier setze ich mich ein. Am Ku'damm habe ich beispielsweise Helme an Menschen verteilt, die auf dem Fahrrad ohne Kopfschutz unterwegs waren. Mit einem Video der Aktion sprechen wir nun junge Menschen an, sich zu schützen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Spaß!

Welche Fortschritte wurden in den letzten Jahren – auch Dank der Stiftungsarbeit – bei der Rehabilitation, Nachsorge und Integration nach Schädelhirnverletzungen gemacht?
Ich sehe vor allem drei Punkte: Die Akutversorgung wurde durch den technischen Fortschritt verbessert. Die Rehabilitation verfolgt einen zunehmend auf jeden Patienten abgestimmten Ansatz. Teilhabe und Integration erhalten eine immer größere Bedeutung. Und das ist ja auch der Arbeitsschwerpunkt der Stiftung: Bei der Beratung, den Veranstaltungen und Seminaren oder bei der Forschungsförderung. Immer geht es darum, die Lebensqualität und Teilhabe zu verbessern.

Eine abschließende Frage: Inwiefern beeinflussen die vielfältigen Erfahrungen, die Sie als Präsident der ZNS-Hannelore Kohl Stiftung gemacht haben, Ihren Blick auf Ihre Musik oder Ihre Tätigkeit als Musiker?
Sie beeinflussen mich als Mensch – und damit auch als Musiker. Auf meinem letzten Album ist viel von der Lebensfreude und Dankbarkeit zu spüren, die ich nach meinem Unfall, durch die Geburt meines Kindes, aber auch durch meine Erfahrungen bei der Stiftung empfinde. Zugleich relativieren sich viele eigene Probleme, wenn man die Lebensgeschichten schädelhirnverletzter Menschen und Angehöriger hört.

Dieses Interview erschien zuerst in Stiftung&Sponsoring, Ausgabe 3/2020. Die vorliegende Fassung wurde um eine Frage zur aktuellen ZNS-Kampagne ergänzt und in Teilen gekürzt.

Adel Tawil, 1978 in Berlin geboren, zählt seit Ende der 1990er-Jahre zu den erfolgreichsten deutschen Musikern. Zu seinen bekanntesten Songs gehören Lieder wie "Vom selben Stern", "So soll es bleiben", "Ist da jemand" oder "Tu m´appelles". Im Sommer 2016 erlitt er bei einem Badeunfall eine Mehrfachfraktur des Halswirbels. Die anschließende Rehabilitation dauerte neun Monate. Seit dieser Zeit gilt sein Interesse und sein soziales Engagement vornehmlich Unfallopfern mit Verletzungen des Zentralen Nervensystems. Ende November 2017 wurde er zum Präsidenten der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung gewählt.