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Dr. Google hilft, nützt aber nix!

01.12.2016

Münchener Universitätsgesellschaft:
Podiumsdiskussion über Gesundheit 4.0, Medizin und Big Data

Im Rahmen der Veranstaltung "drinnen und draußen" der Münchener Universitätsgesellschaft fand am 28. November 2016 in der Großen Aula der LMU eine Podiumsdiskussion zum Thema "Gesundheit 4.0" statt – eine Diskussion zwischen Ärzten, Versicherern, Vertretern der Wirtschaft und Professoren der LMU über die Digitalisierung in der Medizin.

"Digitalisierung geht nicht mehr weg!" Mit diesen Worten führte Moderator Dr. Michael Meyer die knapp 500 Zuhörer in das hochaktuelle Thema der Podiumsdiskussion ein. Die Veränderungen seien international, bürgen enorme Potentiale aber enthielten eben auch Risiken, so Meyer weiter.

Professor Dr. med. Martin Dichgans, Direktor des Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung am Klinikum LMU, sieht in der Digitalisierung die große Chance, verschiedene Welten zusammenzubringen und plädiert dafür, Daten für sinnvolle Anwendungen zur Verfügung zu stellen, denn "Forschung ohne Big Data ist schlicht nicht mehr denkbar".

Als ehemaliger Gesundheitsminister und einer der Väter des E-Health sieht Daniel Bahr heute die Gesundheitskarte als veraltetes Konstrukt an und fordert die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patienten abzubauen. Bahr sieht in der Nutzung der gesammelten Daten eine Riesenchance schneller geheilt zu werden und besser leben zu können. Seine Sorge gilt dem unbefugten Zugriff auf die Gesundheitsdaten und er plädiert auch auf das "Recht auf Nichtwissen", einzig der Patient entscheidet über die Verwendung seiner Daten.

"Wer sich heute gegen die Digitalisierung stellt, ist schuldig an unnötigem Leid und Todesfällen", stellt Dr. med. Markus Müschenich provokativ fest. Der Co-Founder & CEO von Flying Health ist Gründer mehrerer think tanks zum Thema und forscht nach seinen Worten mit "vielen jungen Wilden", die respektlos und ohne "Schranken im Kopf" an der Verbesserung des Nutzens der IT arbeiten und nur ein Ziel im Fokus haben, den Patienten.

Allgemeinmediziner mit einer Praxis in dritter Generation, Dr. med. Nikolaus Frühwein, steigt ebenfalls mit einer provokanten These in die Diskussion ein: "Digitalisierung hilft zwar, nützt aber nichts!" behauptet Frühwein und erläutert, dass Patienten "vorgegoogelt" in die Praxis kämen, aber die gefundenen Informationen nicht entsprechend einordnen könnten, was zu hoher Unsicherheit führe. Frühwein ergänzt, dass natürlich keine Praxis heutzutage mehr ohne Digitalisierung auskomme, aber derzeit die Technik manchmal mehr Arbeit als Hilfestellung für eine Allgemeinarztpraxis darstelle. Als Beispiel führt er an, dass Überweisungsscheine nach wie vor mit Durchschlagspapier versehen sind und deshalb mit einem "Nadeldrucker" ausgefüllt werden müssten. Für Frühwein stellt sich außerdem die Frage: Wie gehen wir sorgsam mit den gesammelten äußerst sensiblen Daten um?

Auch Professor Dr. rer. nat. Ulrich Mansmann, Direktor des Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie, prangert an, dass zum Beispiel auch am Klinikum München die "Unsitte" herrsche, dass viele Daten als "pdfs" gespeichert werden, was diese für die Datennutzung völlig wertlos mache. Hier sei ein Riesenschritt notwendig, ein System zur Verfügung zu stellen, das es ermöglicht, qualitativ hochwertige Daten einfach zu erfassen, nach Vollständigkeit zu prüfen, um diese dann auch auswerten und Schlüsse daraus ziehen zu können. Mansmann fordert diesbezüglich eine fundierte Ausbildung für den wissenschaftlichen Nachwuchs, denn die junge Generation ist gefordert, Ideen zu entwickeln und Wege aufzuzeigen, um die Fülle von Daten sinnvoll zu managen. Mansmann erläutert, dass sich medizinische Daten alle 73 Tage verdoppeln würden.

Dichgans fordert aber auch, bei aller Offenheit für Big Data, dass sich der behandelnde Arzt Zeit für den Patienten nimmt. Nach seiner Erfahrung birgt ein Gespräch mit dem Patienten zum Beispiel über Vorerkrankungen in der Familie eine genauso präzise Informationsquelle wie ein Genom-Check. Dichgans ergänzt, dass unser aller Gesundheitszustand nur zu 20 Prozent vom Genom, 20 Prozent von der Umwelt, 10 Prozent vom Gesundheitswesen und 50 Prozent von unserem Lifestyle abhänge.

Können Apps helfen? Wie viele Patienten kann man damit erreichen? Wem gehören die Daten? Sind die Daten sicher? Was bringt die Digitalisierung für die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich? Diese und viele weitere Aspekte wurden im Laufe des Abends nicht nur auf dem Podium, sondern auch beim anschließenden Empfang kontrovers und emotional diskutiert, was zeigt, dass dies ein Thema ist, das wirklich jeden angeht – egal, ob jung oder alt.

Die äußerst informative Veranstaltung wurde vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet und wird in der Sendereihe "Denkzeit" bei ARD-Alpha ausgestrahlt. Den Sendetermin wird die Universitätsgesellschaft bekannt geben.

Die Münchener Universitätsgesellschaft ist einer der ältesten und heute auch einer der größten Universitätsfördervereine in Deutschland. Thomas Mann und Ricarda Huch zählten 1922 zu den Gründungsmitgliedern. Die Münchener Universitätsgesellschaft trägt derzeit mit rund einer dreiviertel Million Euro pro Jahr zur Finanzierung wichtiger Forschungsprojekte an der LMU bei. Durch die stark veränderten Anforderungen an die LMU wird die finanzielle, aber auch die ideelle Zuwendung durch die Universitätsgesellschaft immer bedeutsamer. Mit Blick in die Zukunft wird vor allem die Förderung und Entwicklung unseres akademischen Nachwuchses für den nationalen und internationalen Wettbewerb eine der Kernaufgaben sein. Aber auch die Mitglieder der Gesellschaft profitieren in besonderem Maße von einem hochkarätigen Netz-werk bei den verschiedensten Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Stiftungsfest, der höchsten akademischen Feier der LMU im Jahr, den Ringvorlesungen, diversen Podiumsdiskussionen, Sonderführungen und vielem mehr.

"drinnen und draußen" ist eine Veranstaltungsreihe der Münchener Universitätsgesellschaft. Zu Themen, die die Öffentlichkeit interessieren, wird die universitäre Kompetenz den Sichtweisen und Erfahrungen der betroffenen Gesellschaftskreisen gegenübergestellt: Gibt es Widersprüche oder Übereinstimmungen zwischen den an der LMU forschenden und lehrenden Professoren und den Akteuren in der Wirtschaft, in den Medien? Die Münchener Universitätsgesellschaft möchte die LMU stärker mit der Öffentlichkeit vernetzen, Brücken schlagen, gerade auch dort, wo unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungshaltungen das Verständnis füreinander schwierig gestalten.