Das Spenden-Siegel toleriert einen Verwaltungs- und Werbungskostenanteil bis zu 30 Prozent. Ist die Kennziffer wirklich hilfreich?
Der durchschnittliche Werbe- und Verwaltungskostenanteil bei den Organisationen mit DZI Spenden-Siegel liegt gemessen an den Gesamtausgaben bei jährlich rund 12 Prozent. In der Praxis der DZI-Spendenberatung, also auch bei der Zuerkennung des Spenden-Siegels, verwenden wir diese Relation als einen, allerdings nicht den einzigen Anhaltspunkt für die wirtschaftliche und sparsame Mittelverwendung.
Die Kennziffer wird seit Langem von Spenderinnen, Spendern und anderen Stakeholdern als eine von mehreren Indikatoren für die Vertrauenswürdigkeit einer gemeinnützigen Organisation nachgefragt, und dem entspricht das DZI in seiner Prüf- und Auskunftstätigkeit. Zugleich machen wir in unseren Informationsangeboten deutlich, dass Werbe- und Verwaltungsausgaben nicht per se "schlechte Kosten" sind, sondern dass sie in angemessenem Umfang geradezu eine Voraussetzung sind, um einer gemeinnützigen Organisation wirtschaftliche und wirksame Arbeit zu ermöglichen.
Und ganz wichtig: Aufwendungen für die Wirkungsanalyse und das Projektcontrolling ordnet das Werbe- und Verwaltungskostenkonzept des DZI den Programmausgaben zu und nicht den Verwaltungsausgaben.
Warum tun sich manche Organisationen nach wie vor schwer damit, ihre Finanzstrukturen offenzulegen?
Es gibt ja insbesondere für Vereine und Stiftungen in Deutschland keine gesetzliche Verpflichtung, ihre Finanzen offenzulegen, im Unterschied etwa zur Handhabung in den USA oder in Großbritannien. An diese Sphäre der Vertraulichkeit der Finanzdaten haben sich die Organisationen im Laufe der Jahrzehnte gewöhnt. Außerdem ist die Devise "Über Geld spricht man nicht" hierzulande im Privaten wie auch in vielen Bereichen der Gesellschaft eine sehr verbreitete Haltung.
Erst langsam beginnt sich bei zivilgesellschaftlichen Organisationen die Überzeugung durchzusetzen, dass die freiwillige Veröffentlichung transparenter Finanzinformationen ein wichtiger und wirksamer Baustein zur Stärkung des Vertrauens in die eigene Organisation ist.
Häufig begegnen wir auch dem Argument, dass etwa die Veröffentlichung der Bilanz die Spendenbereitschaft beeinträchtigen könnte, da die dort ausgewiesenen Rücklagen die Organisation als "wohlhabend" erscheinen lassen könnten. Die vielen Hilfswerke, die inzwischen sehr aussagekräftige Jahres- und Finanzberichte veröffentlichen und deren Spendeneinnahmen trotzdem oder vielleicht auch deshalb weiter sprudeln, zeigen aber, dass diese Sorge unbegründet ist.
Was sind in der Praxis die häufigsten Gründe dafür, dass Organisationen das DZI Spenden-Siegel im Erstverfahren nicht erhalten oder einen gestellten Antrag wieder zurückziehen?
Die Gründe spiegeln das ganze Themenspektrum der sieben Spenden-Siegel-Standards wider. Um nur einige Beispiele zu nennen: Immer wieder ist die Einrichtung eines wirkungsvollen Aufsichtsorgans ein Hinderungsgrund. Auch die Voraussetzung ethisch einwandfreier Fundraisingmethoden ist nicht selten eine zu hohe Hürde. Diese Hilfswerke reklamieren mehr "Beinfreiheit", etwa beim Einsatz stark mitleiderregender Fotos oder bei druckvoll geführten Werbegesprächen.
Tatsächlich ist auch die Obergrenze von 30 Prozent bei den Werbe- und Verwaltungsausgaben teils ein Grund, das Siegel nicht oder nicht mehr zu beantragen.
Was war, ohne Namen zu nennen, der eindrücklichste oder problematischste Fall von Missmanagement, den Sie erlebt haben? Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?
Das sind die zwar wenigen, aber schockierenden Fälle klarer Veruntreuung von Mitteln durch einzelne Leitungsverantwortliche. Was sollten wir alle daraus lernen? Es gibt keine "dummen" Fragen, sei es durch Mitarbeitende oder durch Leitungs- oder Aufsichtsverantwortliche. Keine Person und kein Organ sollten als "unantastbar" angesehen werden. Das Vier-Augen-Prinzip und andere Ecksteine der Compliance sind keine bürokratischen Hindernisse, sondern unverzichtbare Schutzmechanismen für die ganze Organisation und alle Beteiligten.
Welche Rolle können Digitalisierung und Künstliche Intelligenz künftig spielen, um die geforderte Transparenz im Dritten Sektor zu erhöhen und gleichzeitig Bürokratie in der Verwaltung abzubauen?
Dass diese beiden disruptiven Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen werden, ist nicht zu bezweifeln. Welche das sein wird, das muss jetzt in den zivilgesellschaftlichen Organisationen mit erheblichen Ressourcen und mit möglichst viel Kooperation entwickelt werden. Ein Beispiel: Gerade kleinere Organisationen tun sich noch immer schwer, jährlich einen transparenten Jahresbericht aufzustellen. Hier kann Künstliche Intelligenz schon jetzt einen sehr überzeugenden ersten Entwurf bereitstellen, der dann aber natürlich sorgfältig finalisiert werden muss.
Angenommen, Sie könnten eine einzige Reform für den gemeinnützigen Sektor durchsetzen: Welche wäre das und warum?
Das wäre die Einrichtung eines einheitlichen, online frei zugänglichen Vereins- und Stiftungsregisters, in das die staatlichen Registerstellen die ihnen übermittelten Angaben aktuell einpflegen und das die Vereine und Stiftungen ihrerseits mit freiwilligen Angaben ergänzen können, unter anderem durch ihre Tätigkeitsberichte und Jahresabschlüsse. Dieses Online-Angebot, vielleicht nach dem Vorbild des britischen Register of Charities und aufbauend auf dem Zuwendungsempfängerregister, würde die Vereine und Stiftungen aus dem jetzigen Dschungel vieler einzelner Register befreien. Für sie und auch für die allgemeine Öffentlichkeit böte das Register außerdem einen enormen Zuwachs an Transparenz und Sichtbarkeit des unverzichtbar wichtigen Dritten Sektors.
Das Interview ist zuerst in Stiftung&Sponsoring Ausgabe 5/2026 erschienen.